Zwischenbericht über das FSJ in der Fundación Arco Iris
Kaum zu glauben, dass wirklich schon 6 Monate hier in Bolivien vergangen sind. Es wird also Zeit, Fazit über das letzte Halbjahr zu ziehen.
Nach den Probetagen ganz zu Beginn, habe ich gemerkt, dass mich das Projekt „Calle“ am meisten interessierte. Ich fragte mich: Was will ich in diesem Jahr erreichen? Welche Erfahrungen möchte ich machen? Was will ich erzählen können, wenn ich zurück nach Deutschland gehe?
Fest stand, dass ich Grenzerfahrungen machen, mich mit Situationen konfrontieren wollte, die mich zum Nachdenken anregen über mein bisheriges Leben und wie es weiter gehen soll, nach diesem Jahr. Ich wollte mich selbst herausfordern, an meine Grenzen stoßen, mich selbst besser kennen lernen. Das Projekt, welches dazu am besten geeignet war, war und ist „Calle“.
Die Aufgabe dieses Projektes besteht darin, Jugendliche und junge Erwachsene, die auf der Straße wohnen, zu betreuen, mit ihnen nach Möglichkeiten zu suchen, ihr Leben zu verbessern, insofern sie es wollen. Die Betreuung sieht so aus, dass man sich mit den „Beneficiarios“ intensiv auseinandersetzt, sie ins Krankenhaus begleitet, überhaupt ihre ganze Gesundheitsversorgung koordiniert, sie in sozialen Werten unterrichtet, lesen und schreiben mit ihnen übt, Behördengänge mit ihnen erledigt und sie in der Familienzusammenführung unterstützt.
Außer mir hat sich noch Brigitte, eine englische Volontärin für dieses Projekt entschieden, was einige Probleme bereiten sollte.
Das Problem war, dass es bis zu diesem Jahr immer mindestens einen männlichen Volontär im Team gab. Dieses Jahr war dies allerdings nicht der Fall, weswegen unsere Chefin erstmal schlucken musste, als sie Brigitte und mich zum ersten Mal ins Büro kommen sah. Die Arbeit ist, wie ich jetzt aus eigener Erfahrung sagen kann auch um einiges schwerer für Frauen als für Männer, wie ich schon in den ersten Tagen gemerkt habe. Sexuelle Anspielungen und das Fehlen an Respekt uns gegenüber waren am Anfang an der Tagesordnung. Mittlerweile haben wir uns, meiner Meinung nach aber ganz gut gemacht und das Vertrauen unserer Beneficiarios gewonnen.
Was einem jetzt, nach sechs Monaten zu schaffen macht, sind ganz andere Sachen.
Die Grenzerfahrungen, die ich machen wollte, sind mir zu Hauf zugestoßen. Unsere Chefin nennt dies Arbeitsrisiko.
Zuallererst sind dies Todesfälle, die ganz unerwartet auftreten können. Bei Menschen, in die man sehr viel Kraft und Energie gesteckt hat. Plötzlich sind sie tot. Und dann?
Dann geht es daran, die Beerdigung zu organisieren, die Verwandten, insofern es sie gibt, zu kontaktieren, die Frage der Finanzierung zu klären. In diesen letzten sechs Monaten bin ich bei sage und schreibe 3 Beerdigungen gewesen.
Eine davon möchte ich ganz gern näher beschreiben. Die Todesursache des jungen Mannes war ein „Autounfall“ gewesen, der sich so abspielte, dass er aufgrund des kurz zuvor inhalierten Klebstoffes das Gleichgewicht verlor und einen Berg in der Nähe der Brücke, unter der er lebte, hinuntergefallen ist, worauf er dann auf der unter des Berges gelegenen Straße aufprallte und daraufhin noch von einem Minibus überrollt wurde.
Die Beerdigung fand 3 Wochen später statt, da es einen Behördenkrieg wegen ungeklärter Familiensituation gab.
Am Tag der Beerdigung waren dann 7 Menschen anwesend, zwei davon waren Brigitte und ich. Von den anderen fünf machten sich zwei dann noch aus dem Staub, es blieben also noch drei seiner Freunde übrig, die aber entweder high oder betrunken waren. Oder beides. So liefen wir hinter dieser weißen Holzkiste her, indem der Tote lag. Als ob die ganze Situation noch nicht verrückt genug gewesen wäre, machten sie darauf hin den Kopfteil der Holzkiste auf, und das grüne Gesicht des Toten war nun für alle deutlich sichtbar. So wurde er dann nach einem kurzen Gebet ins Grab getragen. Unter den Anwesenden war auch seine hochschwangere Schwester, die dann irgendwann zusammenbrach. Ich versuchte nach Kräften, den Kopf nicht zu verlieren und für sie da zu sein, sie zu trösten, woraufhin sie sich über meinem Oberkörper ergab.
Ich will nicht sagen, dass dies ein typischer Tag in meinem Projekt ist, jedoch muss man, wie ich mittlerweile gelernt habe, jeden Tag damit rechnen, dass einem ähnliche Sachen passieren, auch wenn man sie auf dem morgendlichen Arbeitsweg noch nicht erahnen kann. Dessen sollte sich der nächste Freiwillige im Klaren sein.
Ansonsten haben wir deutliche Mängel im Bereich der psychischen Betreuung, was sich aber hoffentlich ergeben wird mit der Einstellung einer Psychologin im Februar.
Im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass ich mich sehr gut eingearbeitet habe in die Realität der Straßenkids, was aber nicht ganz einfach war, da man wirklich als in Deutschland gut behütet aufgewachsener Abiturient bei 0 anfangen muss.
Das, was man in Deutschland so leicht über die Lippen gebracht hat, Phrasen wie: „ich gehe nach Bolivien und helfe armen Straßenkindern“ wird hier erstmal knallhart auf die Probe gestellt.
Man muss verstehen, dass es nicht so ist, dass die Jugendlichen, die auf der Straße leben, einen mit offenen Armen empfangen, als ob sie ihr Leben lang nur darauf gewartet hätten, dass irgendein Deutscher vorbei kommt und ihnen zu Essen gibt.
Es geht um soviel mehr. Und um das zu verstehen, und zu verinnerlichen, braucht es denke ich weit mehr als ein Jahr. Das Gute daran ist jedoch, dass man jeden Tag ein Stückchen, wenn auch nur ein winzigkleines, weiterkommt in seinen Sichtweisen, und in der Fähigkeit, mit den Beneficiarios zu arbeiten.
Mittlerweile habe ich meinen festen Platz gefunden in dem Gebiet der Personalregistrierung. Meine Aufgabe ist es, die Menschen dabei zu begleiten, ihr Geburtsdatum, ihren Geburtsort und Namen von Vater und Mutter herauszufinden, um mit diesen Daten dann Geburtsurkunden und Personalausweise zu beantragen, was dann schon gute Vorraussetzungen für einen Aufstieg in der Gesellschaft sind, da sie einem ermöglichen, eine legale Arbeitsstelle anzunehmen. Bei der Suche nach dieser unterstützen wir sie unter anderem auch, begleiten sie zu Vorstellungsgesprächen, bereiten sie darauf vor und machen dann später Besuche bei der Arbeit, um sie weiter zu motivieren.
Zweimal bis dreimal die Woche arbeiten besuchen wir 2 Gruppen von Jugendlichen, die auf der Straße wohnen. Dorthin nehmen wir dann Schreibblöcke und Stifte mit, üben dann mit ihnen Lesen und Schreiben, oder klären sie auf über HIV, allgemein Geschlechtskrankheiten, Suchtprobleme usw…
Außerdem leistet mein Projekt eine ganzheitliche Betreuung der HIV Fälle, welche leider immer wieder auftreten, und aufgrund der Lebensweise der Jugendlichen immer häufiger werden. Brigitte, meine Kollegin geht dann mit ihnen erstmal zur Probe, wenn diese positiv ausfällt, begleitet sie sie zur Behandlung, die dank Evo Morales nun gratis ist.
Was uns in diesem Thema allerdings einen gewaltigen Strich durch die Rechnung macht ist der Klebstoffkonsum der Jugendlichen. Es ist leider umsonst, die Behandlung wahrzunehmen, wenn man weiterhin Klebstoff schnüffelt, die Medikamente wirken dann nicht und die Betroffenen haben vielleicht noch 10 Jahre zu leben. Rückblickend muss ich feststellen, dass keiner der Jugendlichen die Bedingungen für eine wirksame HIV-Behandlung erfüllt hat.
„Calle“ will die Jugendlichen bis zu einem geregelten, gesunden Leben hin begleiten, deswegen wurde die Bevölkerung, die betreut wird, in drei Etappen eingeteilt:
Die erste Etappe ist der Teil der Bevölkerung, welcher auf der Straße wohnt, Klebstoff und Alkohol konsumiert und sein Geld durch Diebstahl oder Prostitution verdient.
Die zweite Etappe ist der Teil der Bevölkerung, welcher schon mit einem Fuß aus der Situation der ersten Etappe draußen ist, er hat sich schon ein kleines Zimmer gesucht, geht gelegentlich arbeiten auf dem Bau oder als Verkäufer auf der Straße. Allerdings konsumiert er immer noch Klebstoff und Alkohol, verbringt den Großteil seiner Zeit mit den alten Freunden von der Straße.
Die dritte Etappe ist der Teil der Bevölkerung, welcher schon ein relativ geregeltes Leben führt, mit fester Arbeitsstelle (z.B. als Küchenhilfe, Aufseher usw.), festen Familienbindungen und festem Wohnsitz. Das Konsumverhalten der dritten Etappe ist gemäßigt, kommt aber immer noch vor.
Das Arbeiten mit der ersten Etappe habe ich ja schon ausführlich beschrieben.
Die Betreuung der zweiten und dritten Etappe sieht so aus, dass wir regelmäßige, aber unerwartete Besuche bei den Beneficiarios machen, um zu schauen, wie es ihnen geht, ob sie nüchtern sind, wie sie mit ihren Kindern umgehen, ob die Kinder und das Haus sauber sind. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Arbeit mit der zweiten und dritten Etappe ist das Sparen.
Jedes Mal, wenn wir jemanden besuchen, ist es unsere Pflicht, denjenigen zum Sparen zu animieren.
Dazu muss man sagen, dass diese Menschen von der Hand in den Mund leben und dementsprechend vom einen Tag zum Nächsten. Wir versuchen, sie dazu zu bringen, ihr Leben längerfristig zu planen, und Geld zu sparen, um sich ein besseres Zimmer leisten zu können, Schulartikel für die Kinder kaufen zu können, oder Arbeitsgeräte. Wenn ein Beneficiario schon einiges Geld angelegt hat, setzt man sich zusammen und überlegt, was davon angeschafft wird, das fehlende Geld steuert dann die Fundacion bei.
Im Großen und Ganzen kann ich überzeugt sagen, dass mir die Arbeit Spaß macht, sie mich fordert, und ich wirklich das Gefühl habe, jeden Tag ein Stückchen weiterzukommen in meinen Sicht-, und Denkweisen.
Auch außerhalb der Arbeit, bin ich voll und ganz zufrieden.
Das WG-Leben war glaube ich das Beste, was mir passieren konnte. Wir sind 8 Deutsche und zwei Engländer, davon 3 Mädels und 7 Jungs. Da wir in zwei WGs aufgeteilt sind, gab es von Anfang an schon Befürchtungen, dass der Kontakt zwischen den beiden WGs sehr sporadisch ausfallen würde. Durch die zwei Wechsel (einer aus der Wohnung ist ins Haus, zwei aus dem Haus sind zu uns in die Wohnung gezogen) hat dann jeder die Leute gefunden, mit denen er am besten zurechtkommt und zusammenleben will. Außer manchmal am Wochenende macht „die Wohnung“ nun eigentlich nichts mehr mit „dem Haus“.
Es ist nicht so, dass wir uns nicht mögen oder dass es Streitereien gibt, aber es hat einfach jeder das Gefühl, bei sich Zuhause gut aufgehoben zu sein. Und dieses Gefühl, Zuhause zu sein, ist mittlerweile so intensiv geworden, dass jede WG für sich, getrennt von der anderen, Weihnachten gefeiert hat.
Ich denke gerade an den Feiertagen hat man gemerkt, wie eng man tatsächlich schon mit den anderen Volontären verbunden ist. Wir sind zu einer Familie zusammengewachsen, die immer füreinander da ist.
Es ist immer jemand da, mit dem man reden kann. Wenn es einem schlecht geht, gibt es immer jemanden, der einen in den Arm nimmt. Und dieses Verhältnis hat uns alle vor allzu großem Heimweh bewahrt. In den letzten 6 Monaten saß ich nie gedankenverloren da und habe der Vergangenheit nachgetrauert, da ich wunderbare Menschen um mich herum hatte und habe, mit denen ich das Hier und Jetzt vollstens auskosten konnte und immer noch kann. Das widerum hat mich darin bestärkt, mit dem FSJ in La Paz die beste Entscheidung meines Lebens getroffen zu haben.
Jetzt nach dem Zwischenseminar in Santa Cruz kann ich dem Zusammenleben in der WG sogar noch mehr Vorteile abgewinnen. Ich habe dort von vielen Volontären, die in südamerikanischen Gastfamilien wohnen, dass sie doch sehr mit dem „Kulturschock“ zu kämpfen haben. Das heißt, dass sie sich nicht nur an die neue Arbeitssituation gewöhnen mussten, sondern auch an das neue familiäre Leben in ihrer Freizeit.
Wir dagegen, haben die Möglichkeit, uns ganz auf unsere Arbeit zu konzentrieren, da wir Zuhause einfach abschalten , deutsch oder englisch reden können und so, wenn man so sagen will, unser freies, deutsches Leben trotz der Arbeit mit bedürftigen Kindern weiterführen können.
Als Nachteil des WG-Lebens könnte man anführen, dass wir kaum bolivianische Freunde haben. Oberflächliche Bekanntschaften lassen sich natürlich leicht finden, aber richtige Freundschaften mit Bolivianern kamen bisher kaum zustande.
Das liegt daran, dass, ich zumindest, nicht das Bedürfnis habe, noch mehr Freundschaften zu schließen, da ich ja bereits einen großen, wenn auch deutschen, Freundeskreis habe. In dieser Hinsicht verhindert das Zusammenleben in der WG vielleicht die völlige Eingliederung in die bolivianische Kultur.
Dennoch kann ich unserer Wohnsituation weitaus mehr Vor-, als Nachteile abgewinnen, ich würde sie durch nichts anderes eintauschen wollen.
Ich hoffe ich habe damit einen ausführlichen Eindruck meines neuen Lebens gegeben und muss sagen, dass es sogar sehr viel Spaß gemacht hat, alles zusammenzufassen, was ich in den letzten 6 Monaten erlebt habe und es auf Papier zu bringen.
Bis bald =)
Ani